Cem spricht vom Aufbruch der Generationen, ich denke es ist ein erneuter Versuch etwas zu bewirken. Betrachten wir die 68er so sahen wir mit diesen einen hohen Grad an Intellektualität gepaart mit unüberwindbaren Dogmen — man wollte die Welt verändern und verstand es letztendlich kaum diesen Habitus zum Rest der Welt zu kommunizieren, Momentum zu erlangen. Einiges änderte sich, anderes ging in Oberflächlichkeit unter, von Nachhaltigkeit keine Spur. Die Welt drehte sich weiter, die Universitäten beispielsweise — einst Hort dieses weltverändernden Ansinnens in spe — wurden mit dem Virus der Effizienz infiziert, politischer Diskurs ist allenfalls auffindbar, falls dieser die Vita aufhübscht. Denkfabriken ohne Geist.
Das Netz der Netze wiederum bewegte einiges, zumindest bei einem kleinen Teil der Bevölkerung. Politischer Diskurs keimte auf, man nutze die Möglichkeit über Grenzen hinweg zu kommunizieren, zu organisieren, den Traum zu leben vielleicht etwas zu bewegen. Doch was blieb bisher im Meer der Buttons, Shirts, Slogans, Kampfreden etc. pp. über? Man könnte fast glauben einzig eine politische Popkultur. Eine Zier wie seinerzeit das Shirt mit Ches Konterfei1 — viele die mehr über diese Art von Freiheit erfuhren liessen das Shirt recht schnell Shirt sein, andere fröhnten weiterhin dieser Art von plakativer politischer Zuschaustellung ohne jedwede Tiefe.
Bewegt es noch, dieses Netz der Netze? Ich weiß es nicht, ich denke ja — irgendwie — aber ich sehe auch, dass mehr politische Popkultur den Zeitgeist definiert, denn politischer Diskurs. Von der Tiefe zur Nachhaltigkeit wäre eine Idee — letztendlich jedoch auch nur ein Traum den Generationen zuvor träumten.
Mitunter auch sehen wir einen Iota Nachhaltigkeit — irgendetwas bleibt immer über, doch wenn das Gros der Bevölkerung nicht bereit ist für Änderungen — wie so oft in der Geschichte dieses Landes, werden wir auch nicht mehr sehen als ein Generationenstrohfeuer. Hell entflammt desöfteren, ohne Nährboden ebenso häufig an den Mauern des Systems verendet.
Und ich entführe hier gerne noch einmal Angela Merkels Zitat von 2005: Wir haben wahrlich keinen Rechtsanspruch auf Demokratie und soziale Marktwirtschaft auf alle Ewigkeit. Denn die Aussage alleine könnte treffender kaum sein, auch der innewohnende Sarkasmus, schaut man denn die gelebte Demokratie hierzulande. Freiheit gibt es eben nicht gratis, es gibt noch viel zu tun. Per aspera ad astra.
- me too ;-) [↩]
Vergleichen wir den Alltag vor 20 oder 40 Jahren mit dem von heute, hat sich sehr viel geändert. Natürlich sind die Ideale von damals nicht verwirklicht. Das stimmt. Aber die vergangenen Aufbrüche haben ihre Spuren in der Gesellschaft hinterlassen. Davon spricht der Artikel auch: «Der Zyklus von Visionen, übersteigerten Erwartungen, Enttäuschungen und stückweiser Akzeptanz des Neuen im Mainstream wiederholt sich.»
Wir leben heute in einer anderen Gesellschaft als damals. Die Veränderungen haben sich in grossen heftigen Schüben angekündigt, sind allerdings nur teilweise shleichend im Mainstream angekommen. Ohne diese Aufbrüche würden wir gesellschaftlich noch in den fünfziger Jahren leben. Aus den grossen Revolutionen sind kleine Evolutionen jedesmal geworden. So ist das Leben.
Aber schau heute werden oder wurden gar schon Dinge torpediert für die man einst kämpfte. Dies betrifft die Arbeiterschaft gleichermaßen wie auch beispielsweise die Studentenschaft. Zaghafte Errungenschaften werden Stück für Stück demontiert — siehe beispielsweise Studiengebühren, Gesundheitssystem etc. pp.
Das sehe ich ähnlich. Aber deswegen ist es umso wichtiger, dass jede Generation kämpft und die gewonnenen Bürgerrechte nicht wieder erodieren.
Vielleicht verzeihst Du mir die irritierende Frage — aber was genau verstehst Du unter «politischer Popkultur», die bitte welchen «Zeitgeist» definiert? Ich würde mich ja freuen, gäbe sie sich zu erkennen, aber bislang … erlebe ich im «Netz der Netze», wie Du es nennst, nur Poppolitik per Mausklick; gemeinschaftliche Willensbildung nicht als grundsätzliches Statement, sondern als spotanen Flashmob, wenn Du so möchtest.