Was ist Bloggen?

Was ist Bloggen? Nun abseits der semantischen Analyse, die da von einer Art Kreuzung aus Tagebuch und WWW spricht, ist ein Weblog schlicht ein Tagebuch. Aber Moment, ist ein Tagebuch nicht diese oldschool Angelegenheit? Privates zu Papier gebracht, vor den Augen der Welt verborgen? Kurzum also ein Widerspruch in sich? Denn wie könnte man ein privates Tagebuch in dieses WWW transferieren? Nun als erstes muss man Begrifflichkeiten trennen, sprechen eingeschworene Nerds von «Tagebüchern» meinen diese tatsächlich Poesiealben bzw. degradieren ob Unverständnis Tagebücher zu trivialen Anhäufungen irgendwelcher Intimitäten, cat content eben.

Doch dem ist nicht so. Ein Tagebuch bietet Erlebtes feil, formuliert Gedanken aus, ist ein Spiegel dessen was den Schreibenden bewegt. Ein omnipotenter Anspruch, welcher jedem Raum en masse reserviert. Ein Novum stellt mitunter die zeitnahe und vor allem erwünschte Öffentlichkeit dar, ermöglicht durch dieses WWW. «Gelogen», beschönigt wird traditionell im Privaten, als auch im öffentlichen Raum — von daher nehmen sich beide Darbietungen nicht viel. Allenfalls diktiert die zusätzlich gewonnene Öffentlichkeit ein Plus an etwaiger Zurückhaltung, gegenüber dem schon vorhandenem Diktat seitens des Egos.

Bloggen ist also nichts neues, Bloggen kann alles sein — nur die eigene Fantasie setzt Grenzen. Man muss sich also nicht eines Begriffes wie Tagebuch schämen, große Frauen und Männer verfassten diese im Laufe der Geschichte und hinterließen somit nachfolgenden Generationen teils unschätzbare kulturhistorische Einblicke oder dem eigenen Nachfahren Aufschluß bezüglich dem eigenen Tun und Handeln.

Wenn also Oscar Wilde schreibt: «Das Gedächtnis ist das Tagebuch, das wir immer mit uns herumtragen.», so gilt dies vice versa ebenso für diese mittels Papier oder Virtualität transportierten Worte — eine Vielfalt des Geistes eben, welche genutzt werden sollte. Insofern ende ich mit den Worten eines bekannten Tagebuch-Verfassers: «Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehn, indes ihr Komplimente drechselt, kann etwas Nützliches geschehn.» 1

Bild: akephalos

  1. Goethe, Faust []
This entry was posted in Uncategorized and tagged , , , , , , . Bookmark the permalink.

5 Responses to Was ist Bloggen?

  1. Es hat etwas Belustigendes, wenn man sich anschaut, wie sich stetig verändert, was man Blog nennt. Immerzu gibt es selbsternannte Wächter, die genau wissen (wollen), was ein Blog ist und was es ausmacht. Natürlich wissen diese Wächter des angeblich guten Geschmacks auch stets, was man bitte zu unterlassen hat. Dabei ist es doch vor allem die Freiheit der Auslegung, die uns immer wieder tolle Neu-Interpretationen dessen zeigt, was ein Blog sein kann.

    Vielen Bloggern scheint es leider immer noch an Selbstbewusstsein zu mangeln. Sie führen das eigene Blog lieber nach den Regeln anderer und berauben sich damit der eigenen Stärke und Einzigartigkeit als eine gewisse anfängliche Verurteilung zu riskieren, dafür aber einen eigenen Weg zu gehen und vor allem, bei sich zu bleiben. Glücklicherweise beobachte ich endlich, nach einer grausamen Phase der Selbstverstümmelung, dass manche entdecken, dass es wichtiger und richtiger ist, den eigene Weg zu gehen, als in Konformität zu sterben. Leider sind auf diesem steinigen Weg der (Selbst)Erkenntnis viele Talente hängen geblieben. Das ist sehr sehr schade, manchmal.

    • olhe says:

      Die ominöse Masse diktiert nicht nur gerne indirekt «korrektes» Verhalten, sondern straft auch jene «Ausreißer» unerbittlich ab. Von daher fällt es vielen nicht leicht sich vom «Hive» zu trennen.

  2. Ja, die Masse. Die Masse wird nicht selten von einigen wenigen Meinungsmachern gelenkt. Die vielen laufen dann, als Herde verkleidet, oft unreflektiert den Gurus und deren Ausdünstungen nach. Natürlich müssen Abweichler abgestraft werden, denn sie nehmen den Gurus den Einfluss. Die Muster, nach denen das Spiel funktioniert sind alt. Man kann sich beispielsweise bei der katholischen Kirche anschauen, wie sowas geht (und schon immer ging).

    Allerdings: Innerhalb der Blogwelt werden obige Prinzipien meiner Meinung nach oft gar nicht bewusst eingesetzt. Man schaut gar nicht erst darauf, was man anrichtet mit dem Entfachen eines Zündfunkens. Verhältnismässigkeit? Verantwortungsbewusstsein? Fremdworte. Man berauscht sich stattdessen daran, wie einfach es gelingt, Kampagnen loszutreten. Ego ego ego ..

    Und trotz allem glaube ich an die Möglichkeiten des Bloggens. Nie war es so einfach und so kostengünstig, zu publizieren. Qualität muss sich erst ergeben. Das braucht Zeit ..

    • olhe says:

      >Man berauscht sich stattdessen daran, wie einfach es gelingt, Kampagnen loszutreten.

      Das größte Übel wohl und was die Massenmedien bzw. die sogenannten «alten Medien» nicht thematisieren, findet in der Regel auch keinen Platz in dieser «neuen Welt». Aber ich begebe mich fortwährend auf die Suche nach diesen Perlen abseits des Mainstreams, denn diese sind es, die das Internet für mich erst wertvoll machen.

      • Ich muss zugeben, nicht oft genug nach Perlen zu suchen. Ich sollte das mehr machen. Allerdings hat der Tag eine endliche Länge und Perlen gibt es ja auch noch im offlinigen Bereich des Lebens.

        Abschalten fällt mir zwar immer schwerer und doch merke ich, dass das die Perle überhaupt ist. Ich habe mir vor einiger Zeit vorgenommen, in diese Richtung wieder mehr zu investieren. Es gibt da noch so unendlich viele unentdeckte Nischen und Welten. Literatur, Musik, etc. .. :-)

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>